Sonntag, 21. Januar 2018

31. Ein Haus unter der Sonne



Die Sonne leuchtete schwarz. Es nieselte aus dem dichten Nebel und die Kirchenglocke schlug zehn Uhr. Ich zog meine Wollkappe tiefer ins Gesicht. Ein Krähenpaar, das auf dem Wipfel der borkigen Fichte hinter dem Haus hockte, konnte ich nur schemenhaft erkennen. „Krra-krra-krra“ krächzte es von der schütteren Rottanne herab und es klang, als käme ihr Ruf von sehr weit her.
Die schwarzen Vögel ließen sich von unserer Geschäftigkeit nicht stören beim Job, den wir bis heute Mittag beendet haben wollten. Sie waren in Sängerstimmung und es folgte das gutturale „goarr-goarr“ und das ratternde, nach Mechanik klingende „klok-klok-klok“, als würde jemand einen schweren gutgeschmierten Verschluss ins Gegenstück wuchten, um ihn für immer zu verriegeln. 
Quelle: Microsoft Word 10
Die Rabenvögel riefen das Ende des Herbstes herbei und es würde nicht mehr lange dauern, bis das neblige Nass, sich in Schnee und Eiseskälte verwandeln würde. Der Garten, in dem wir jetzt zum Schluss nach mehreren Arbeitstagen nur noch zu zweit hantierten, war abgeerntet und zertrampelt.
Wir hatten bei dieser Liegenschaften-Auflösung die Aufgabe, das gesamte Grundstück von den unzähligen Dingen, die sich über die Jahrzehnte angesammelt hatten, zu entledigen. Die lottrigen Treibbeete mit den feuerverzinkten Stahlrahmen und den stabilen Glasscheiben nahmen wir, so gut es ging, auseinander. Ein einbrennlackiertes Gestell eines Pagodenzeltes demontierten wir und bogen die langen rostigen Stahlstangen zu Büroklammern im XXL Format. Lose gespannte Drähte, viele Laufmeter, knipsten wir mit dem Seitenschneider ab und wickelten sie zu Knäueln zusammen. Die verlebte und unansehnlich gewordene Fahnenstange aus Aluminium kam ebenso fort. Ihr eingerostetes Stahlseil schlug im Wind schon seit Tagen gegen das Rohr, und begleitete mit ihrem hohlen Geschepper unsere Arbeiten. Altmetalle fielen kiloweise an fürs Recycling. Aus altem Material wird Neues geschöpft, eine Neuformung des Verbrauchten und Materiellen zu einem neuen Objekt, einem neuen Ziel, das weiter leben würde in anderer Gestalt. Wie ist das mit uns Menschen?
Ein paar Jura Ammoniten mit Algen und Moos überwachsen, säumten die Gartenwege links und rechts. Vielleicht waren sie einst von jungen Händen sorgfältig an ihren Platz gelegt und seit diesem Tag, nie mehr verrückt worden. Jahrzehnte erstreckten sich dazwischen und wie Felsen an einem Gebirgshang festgewachsen, erhoben sie sich über das kurzgeschnittene Gras, aus denen ein paar einsame Gänseblümchen den vergangenen Sommer zu bewahren suchten. Und heute an diesem feuchten Tag waren diese Hände runzlig, zittrig und alt geworden. Die Venen schimmerten wie ein violett blaues Spinnengeflecht unter der dünnledrigen Haut hervor, erst ein paar Jahrzehnte dazwischen. Jahre – Zeiträume – die für uns Menschen einmaliges Leben als ein Ich bin bedeuten.
Versteinerungen als Zeugnisse der Ewigkeit, was aber, ist mit uns? Was bleibt von uns übrig außer Gedanken und Erinnerungen in den Köpfen und Herzen derer, die uns für eine Menschenzeit lang nicht vergessen werden?
 Wir luden die Ammoniten für den Verkauf auf die Ladefläche des Lieferwagens, neben das Altmetall. Ein hoher Stapel mehliger Brennholzscheite auf der Nordseite des Hauses, war vom Käfer zerfressen worden. Die Rinde fiel beim Anfassen ab, darunter kam ein Straßensystem von Fraßgängen hervor, die mich an filigranes Kunsthandwerk erinnerten. Eingravierte Bildzeichen des Lebens. Mit dem Abfallholz zogen wir eine hellbraune Mehlspur durch den Garten und über die Wege und füllten damit den Rest des Wagens.
Ich war gerade dabei, ein zerbeultes Stahlrohr aus dem klumpig nassen Erdreich heraus zu hebeln, um es aus seiner klammernden Verankerung zu lösen, als ich den Mann durchs Gartentor eintreten sah. Mit aller Kraft zog ich am kalten Rohr, das Wurzeln geschlagen hatte, bis ich mein Kreuz spürte und das dumpfe „Plopp“ hörte und mein Reißen keinen Widerstand mehr hatte. Um ein Haar wäre ich samt dem Eisen rücklings in den Buchsbaum gefallen. Das Vakuum des lehmigen Bodens hatte auch dieses störrische Stück Stahl freigegeben. Auch dieses sollte zu etwas gänzlich Neuem werden.

Der alte runde Mann tappte direkt auf mich zu, an mir vorbei - Sand knirschte unter seinen Sohlen – als er über die Waschbetonplatten hinweg schlurfte. Den Hosengurt hatte er über dem Bauchnabel festgezogen und so schienen seine hellgrauen Bügelfaltenhosen den Zustand von Hochwasser zu vermitteln. Ich grüßte, er grüßte tonlos zurück.
     „Wie geht es Ihnen, Herr Brack?“, fragte ich. Es war keine harmlose Sache, die ihm und seiner Frau in diesen Tagen Wirklichkeit wurde. Sie hatten ihr geräumiges Haus, die Freiheit ihres weiten grünen Gartens aufgegeben und waren in ein Altersheim mit betreutem Wohnen gezogen. In eine Zwei-Zimmer Wohnung mit dem Verbot, Kerzen anzuzünden.
     Er blieb stehen, lächelte halb und sagte: „ Mir geht’s gut. Aber meiner Frau nicht. Ihr ist alles viel zu viel geworden, dieses Packen, Zügeln und Umziehen. Und sie hat keinen Platz für all die Dinge, die sie mitgenommen hat.“
Mehr wollte er mit mir nicht besprechen. Er drehte sich um und trottete weiter dem Hauseingang entgegen und jetzt von hinten sah es für mich aus, als hätte er seine Hosenstöße hinaufgekrempelt, weil er im Haus handtiefes Wasser erwartete. Vor dem Podest des Hauseingangs blieb er verdutzt stehen und man sah ihm an, wie unsicher er wurde. Er hatte bemerkt, dass der Zugang zum Haus leicht verändert worden war und zu alledem stand die Haustüre sperrangelweit offen. Ich hatte den losen, schmalen Betonklotz, der die hohe Stufe des Podests halbierte, entfernt, um verstauchten Knöcheln lasttragender Mitarbeiter mit Möbeln, Säcken und Brettern vor dem Kopf, vorzubeugen. Der Brocken war dort provisorisch hingelegt worden, vermutlich vom Hausbesitzer selbst und diente den Asseln als Unterschlupf, bevor der Schnee kam und sie in den trockenen Keller schlüpfen würden.
Und jetzt fehlte dem alten Herr dieser Zwischenschritt, an den er sich über all die Jahre gewöhnt hatte. Er hob seine steifen Glieder und stützte sich am Türpfosten ab, um das Gleichgewicht zu halten. Dabei schwankte er, als würde sich der Boden unter seinen Füssen bewegen. Dann zog er das andere Bein nach und nun auf dem Podest stehend, hielt er sich mit beiden Händen am Seitengewände des Türrahmens fest. Er blickte hinein ins Haus auf den Treppenaufgang und verharrte sekundenlang wie angewurzelt.

„Das Haus ist komplett leer, machen Sie sich auf etwas gefasst!“, rief ich ihm nach und schritt eilig die paar Meter zu ihm hin.

Drei oder vier Wochen zuvor, als der Betriebsleiter und ich die Liegenschaft besichtigt hatten für eine Offerte, verriet mir seine Frau, dass ihr Mann 90 und sie 87 Jahre waren. Sie hatten weder Töchter noch Söhne, noch Angehörige, die ihnen beim Zügeln helfend unter die Arme greifen konnten. Zum Glück, so sagte sie damals, hatte sich eine Nachbarin angeboten, beim Einpacken mitzuhelfen, bevor ein Zügelunternehmen aufkreuzen würde.
Das Ehepaar verbrachte die Jahre ihres Lebens in diesem Haus und sie hatten beide kaum eine Ahnung denn eine genaue Vorstellung, wie ein kompletter Wohnungsumzug vor sich ging. Sie wussten nicht wirklich, wie man das anpackte und plante, wie man das Wichtige und Nötige vom Ballast trennte. Ja, ihnen fehlte überhaupt die Erfahrung bei dieser Sache und dass man dazu eine Menge Kartonschachteln füllen und hunderte von Entscheidungen treffen musste, um dieses Werk vollbringen zu können. Mein Angebot lehnte sie damals dankend ab, ihnen wenigstens einige Zügelkisten aus dem Lieferwagen zu überlassen.
Als wir zu dritt, der Leiter, ein ZIVI und ich am Tag X antraten und Türme von Bananenkisten zum Haus trugen, standen die beiden Auftraggeber in der Küche, um uns die Schlüssel zu übergeben, damit wir ungehinderten Zugang hatten. Die Frau war noch immer beschäftigt, ein paar Teller und Gläser aus den Küchenschränken auszuwählen und zu verpacken. Sie waren ganz und gar nicht fertig, die Dinge, die sie weiterhin brauchen würden, aus dem Haus und vor uns in Sicherheit zu bringen. Und jetzt waren wir vom Brocki wie abgemacht da und im Schuss wie immer. Mein Chef schäumte und unterdrückte seine Wut darüber, unnötig aufgehalten zu werden, denn wir konnten so erfahrungsgemäß nicht zügig vorwärtsmachen. Er verzog sich zusammen mit dem ZIVI hinauf ins obere Stockwerk, um dort oben zu rumoren und herum zu trampeln.
Ich blieb unten, um mit den Leuten ein paar Worte zu wechseln. Die betagte Dame war ihren kurzen Ausführungen nach sichtlich überfordert gewesen, mit dem Auswählen und Verpacken der Dinge, die sie in die Alterssiedlung mitnehmen wollte. Ihr Mann aber - sagte sie mir im Vertrauen - hatte keine einzige Tasche gepackt, nicht ein einziges Ding in die Hand genommen, um es zu zügeln. Er war außerstande gewesen, etwas anderes als sich selbst, an den neuen Wohnort zu bringen. Ausgenommen davon war nur sein alter BMW, den er als Autofreak, noch immer fuhr. Und auch jetzt, wie sie von dieser Erfahrung berichtete, hatte sich ihr Ehemann neben sie hingepflanzt und außer seinen funkelnden blassblauen Augen, wirkte an ihm alles apathisch und doch vollkommen präsent.
Dann legte auch ich los, die Berührung zu den Betroffenen war getan, anders schaffte ich es nicht, mit anwesenden Besitzern, meinen Brockijob zu tun. Und so machte ich ihre alten Schränke im Schlafzimmer frei. Sie waren gefüllt mit Blusen, Hosen, Hemden, Röcke, Mänteln, Hüten und Wolldecken, Kissen und Duvets und man hätte glauben können, dass sie vergessen worden waren. Alles verstaute ich in den mitgebrachten weissroten Kleidersäcken. In der Küche fand ich eine kleine Schatulle mit einer Goldkette und Anhänger, die ich der gepflegten Frau hinstreckte mit dem Hinweis, noch einmal einen Blick in ihre Dose zu werfen, da es da drin nach Gold glänzte. Als ich in einem vollgepfropften Schrank zwei Plastiksäcke mit Porno Videos entdeckte, fand ich das ganz normal, aber auch, dass der Besitzer sich seiner erkalteten Lust, gut hätte selbst entledigen können.
Die Besitzer hatten auf zwei Stockwerken gelebt, und jede Etage war geräumig, wie eine gemütliche Wohnung. Ihr Haus mit all den vielen Räumen, dem großen Keller und den zu Verfügung stehenden Platz, hatte sich einfach über die Jahre gefüllt, nicht einmal wirklich überfüllt. Allen geschieht das, etwas anderes habe ich zumindest bei meinen Touren kaum je angetroffen.

Der Mann stand noch immer da auf dem Podest vor der offenen Tür, einen letzten winzigen Impuls entfernt, bevor er ins Wasser steigen würde.
„Sie werden erschrecken, wenn Sie hinein gehen“, warnte ich ihn, jetzt hinter ihm stehend.
Meine Warnung beachtete er nicht und er trat ein und ich fand es richtig und wichtig, das zu tun. Wie sonst, kann man endgültig mit Vergangenem abschließen, wenn man sich dem letzten Blick und vor den Gedanken und Erinnerungen die er aufwirbelt, entzieht? Alles Neue beginnt damit, dass das Alte stirbt. Das Gewesene als Dünger des Neuen und ich sage das hier so leicht, ohne ermessen zu können wie es sich anfühlt, neunzig zu sein und den Schritt aus dem eigenen Haus zu tun, ein Haus, das ihr ganzes Leben umhüllt und ausgedrückt hatte. Der alte Mann, das alte Paar befand sich im Zustand der Rückgabe, des Rückzugs, der Auflösung. Und dieses Haus mussten sie hinter sich lassen. Diese stoffliche Verdichtung ihres langen Lebens war zur unpassenden Hülle geworden, die Hände langsamer, knöchern, die Haut fleckig. Hände, die einst selbstgesammelte Ammoniten ins Gras gelegt und Rosenstöcke geschnitten hatten.
Es vergingen keine zwei Minuten, da spülten ihn die Erinnerung und ihr Schock der Endgültigkeit hinaus. In der oberen Etage konnte er nicht gewesen sein, und auch nicht im Keller in so kurzer Zeit. Er hielt sich erneut am granitenen Gewände des Eingangs fest, drehte sich um und trat rückwärts und diesmal zügig, fast hastig vom Podest herunter auf den Gartenweg.
„Erschreckend leer - wie vor 65 Jahren - als meine Frau und ich nach der Heirat eingezogen sind“, sagte er mit einem leichten Vibrieren in der Stimme. Seine Augen waren glasig und leer geworden.
Schritt für Schritt schlurfte er über die Waschbetonplatten zum Gartentor zurück und liess es unnötigerweise hinter sich ins Schloss fallen. Er trat auf die Straße hinaus, stieg in seinen BMW. Die Autotür zog er lautlos zu und startete den Wagen. 
Dann hörte ich das kehlige „klok-klok-klok“ von einer der beiden Krähen. Dann blieben sie still und ich blickte hinauf. Sie hockten jetzt Flügel an Flügel auf den Firstziegeln des Hausdachs. Sie hatten sich müde gesungen, stießen sich vom Dach ab und flogen nach Süden davon.

©Martin M.Hänni 2018